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Sichtbar sein! – Eine Strategie gegen Homophobie in Migrant/innen-Communities

Frank van Dalen, De Dialoog, Niederlande

Zu allererst möchte ich mich dafür bedanken, dass mir die Gelegenheit gegeben wird, über den Kampf gegen Homophobie in ethnischen, konventionell, religiösen Umfeldern reden kann. Aber bevor ich zu diesem Thema komme, möchte ich Ihnen einige historische Ansichten über die Gaycommunity in den Niederlanden geben.

Im Jahre 1946 wurde in den Niederlanden die Gay-Bewegung COC gegründet. Es fing damit an, dass 1940 ein Magazin namens “Levensrecht” herauskam, das wurde allerdings nach der ersten Ausgabe aufgrund der Nazi-Invasion eingestellt und erschien erst wieder im Jahre 1945. Sehr bald wollten sich die Leser auch treffen und taten dies im Dezember 1946.

Offensichtlich waren diese Treffen zuerst nicht öffentlich – sie wurden erst “Shakespeare Club” genannt – der Name COC wurde erst ca. ein Jahr später benutzt, um die wirklichen Absichten dieser Zusammenkünfte zu verstecken.

Erinnern wir uns, dass Benachteiligungen und Diskriminierungen noch gesetzlich veranktert waren. Langsam entwickelte die COC sich zu einer sozialen und politischen Macht, mit dem Ziel, diskriminierende Gesetze und Praktiken abzuschaffen. Darauf war der Fokus der Organisation in den ersten dreißig Jahren gerichtet, was heute auch die “erste Phase der Gay-Emanzipation” genannt wird.

1971 wurde die Ungleichbehandlung von Heterosexullen und Homosexuellen beim Schutzalter aufgehoben. Diese wichtige Änderung kann als Meilenstein zur zweiten Phase der Gay-Emanzipation in den Niederlanden gesehen werden. Dieser Kampf fokussierte sich auf die Herstellung von Gleichberechtigung.

Wieder, dreißig Jahre später, am 1. April 2001, heirateten zum ersten Mal auf der Welt die ersten gleichgeschlechtlichen Paare in Amsterdam. Was immer als unerreichbarer Traum galt, war nun Realität, ein neuer Horizont eröffnete sich für schwule Männer und lesbische Frauen auf der ganzen Welt. Und das hatte eine Auswirkung auf die Gay-Emanzipation auf der ganzen Welt – gleichgeschlechtliche Ehen wurden ein wichtiges niederländisches Markenzeichen und sind bei weitem das erfolgreichste holländische Exportprodukt.

Ich bin sehr stolz darauf, muss aber auch sagen, dass dies auch negative Auswirkungen hatte. Fortschritt kommt mit Rückschlägen. Wir haben das in den folgenden Jahren gesehen. Es wurde gemeinhin gefühlt, dass der Kampf für die Gay-Emanzipation vorbei war. Zu allererst dachte die Gay-Community das selbst. Wir feierten und ruhten uns glückselig auf unseren Lorbeeren aus. Zweitens gab es von der Gesellschaft allgemein eine ähnliche Reaktion, im Grunde mit der Aussage: „Wir erlauben euch jetzt zu heiraten, also was wollt ihr noch? Fangt an euch normal zu verhalten, weil wir euch jetzt akzeptieren.“ Das brachte die Gay-Emanzipation zum totalen Stillstand.

 

II.

Neben dem Kontext der Gay-Emanzipation, würde ich ihnen gern den politischen Kontext in den Niederlanden darstellen. Mitte der Neunziger Jahre wurden die Niederlande das erste Mal in fast siebzig Jahren von einer Koalition ohne die Christlichen Demokraten regiert – beherrscht von einer purpurnen Koalition aus Sozialdemokraten, Liberalen und Sozialliberalen. Das machte die gleichgeschlechtliche Ehe möglich – die Mehrheit der Gesellschaft war, zum Thema Partnerschaftsrechte für Homosexuelle, seit Mitte der Achtziger Jahre nicht abgeneigt, aber die Christdemokraten blockierten dies immer.

Die purpurne Koalition dauerte nicht lange – es gab Spannungen in unserer Gesellschaft, die diese außergewöhnliche Koalition ignoriert und nicht registriert hatte. Der Unmut in der Gesellschaft wuchs, auch wenn dies von der politischen Elite nicht wahrnahm. Es schien, als sei der einzige, der sich darüber bewusst war, der Minister Frits Bolkestein war, gleichzeitig Parteivorsitzender der Liberalen Partei VVD. Er definierte ein neues politisches Programm, in dem er über ethnische Minderheiten und den Islam in Bezug auf die niederländische Gesellschaft sprach. Im Grunde hatte er zwei Botschaften:

Integration ist fehlgeschlagen und das brachte eine Unterschicht von ethnischen Minderheiten hervor, die Gefahr laufen, von Armut, sozialer Ausgrenzung und Spannung – auch Kriminalität betroffen zu sein. Der Islam wurde von ihm als eine Bedrohung der kulturellen Werte angesehen – darunter Gleichberechtigung für Frauen und Homosexuellen – in dem Land, das wir seit Jahrzenten kennen.

Die politischen Pläne und Ideen, die er präsentiert hatte, wurden von der politischen Elite und den Medien abgelehnt. Obwohl mehr und mehr Menschen in den Niederlanden versucht haben, sich mit seinen Ideen vertraut zu machen.

Zum ersten Mal in der Geschichte hatte die Liberale Partei die Chance, die größte Partei in den Niederlanden zu werden. Aber als Bolkenstein als Parteivorsitzender zurücktrat, wählte sein Nachfolger den Weg des multikulturellen Relativismus und den Beliebtheitsverlust, der von keiner der Koalitionsparteien bemerkt wurde. Er zeigte sich auch nicht in den Wahlen, aufgrund des Mangels an politischen Alternativen. So lange nicht, bis 2001 Pim Fortuyn eine Lawine los trat.

Pim Fortuyn hat fast im Alleingang unsere politische Landschaft drastisch auf den Kopf gestellt. Die politische Bewegung dieses politischen Außenseiters verursachte ein Aufbegehren, wie es nie zuvor in der niederländischen Politik gesehen wurde. In weniger als in einem Jahr war es wahrscheinlich, dass er die Parlamentswahlen gewinnen könnte. Sein wichtigste Angelegenheit: der Mangel an Integration von ethnischen Minderheiten in der Gesellschaft, aufgrund von Multikulturalismus, und der wachsende Einfluss des Islams in der Gesellschaft.

Die Angelegenheit wurde den Ereignissen des 11. September 2001 angekurbelt – die Welt hatte sich verändert. Der charismatische Pim Fortuyn, der offen schwul war, hatte eine extravagante Erscheinung mit seinen Macht-Anzügen, seinem Butler, kleinen Hunden und seinem Jaguar. Er wurde zum Sprachrohr für einen Wechsel, dessen Notwendigkeit von den alten Parteien nicht gesehen wurde.

Pim Fortuyn war dazu fähig die Unsicherheitsgefühle von vielen Menschen in den Niederlanden zu behandeln, in Bezug auf ihre Zukunft und die Veränderungen, die in dem Land stattfanden. Es ist nicht überraschend, dass das ganze Land total schockiert war, als er eine Woche vor den Wahlen von einem Umweltaktivisten ermordet wurde. In den nächsten Jahren formierten sich neue politische Parteien und zu dem Zeitpunkt schien die Freiheitspartei von Geert Wilders, welche ein starkes anti-islamische politisches Programm hat, zu bleiben.

Was wir hier sehen können, ist die gefühlte Veränderung durch die Gesellschaft, wenn sie den islamischen Einfluss betrachtet. Dennoch bietet sich die Frage an, wie rational oder irrational die Veränderung ist – oder sollte ich eher „Angst“ sagen, die von der Gesellschaft gesehen wird.

Fast gleichzeitig, als die Gay-Community auf ihrer pinken Wolke der Glückseligkeit lebte und der Freude nach der Legalisierung der Gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, gab es einen dunklen Schatten der Fakten, sogar als schwuler Mann oder lesbische Frau war es möglich, sich in der niederländischen Gesellschaft nicht wohl zu fühlen.

Die Eheschließungen fingen im April 2001 an und das erste starke Signal kam im bereits Mai 2001, als Imam Khalil el-Moumni im nationalen Fernsehen sagte, dass Homosexualität eine Infektionskrankheit sei und dass seine Community sich davor in Sicherheit bringen sollte, um Infektionen vorzubeugen und weitere üble Vergleiche. Er musste aufgrund seiner Bemerkungen vor Gericht, aber El-Moumni wurde wegen Meinungs- und Religionsfreiheit freigesprochen. Und natürlich wurde auch gesagt, dass seine Bemerkungen, die auf Arabisch waren, „falsch übersetzt“ wurden. Aber der Schaden war angerichtet.

Das zweite Signal kam im Jahre 2004, als bekannt wurde, dass das Buch „Der Pfad für Muslime“ in radikalen Moscheen verbreitet wurde. In diesem Buch wird gesagt, dass man homosexuelle Menschen töten soll, indem man sie von hohen Gebäuden wirft. Der Schock war noch größer als die Staatsanwaltschaft beschlossen hatte, den Fall nicht vor Gericht zu bringen. Es wurde zwar verstanden, dass der Text in dem Buch offensiv war und sogar bedrohlich für homosexuelle Menschen, aber da es auf einen religiösen Text basierte, sollte es als Teil der Religionsfreiheit erlaubt sein.

So, wo sind wir im Jahre 2005? Wir haben ein Land, das in einer Identitätskrise steckt, Problemen gegenübersteht, die mit der Integration von ethnischen Minderheiten und deren religiösen Werten, zu tun haben. Wir haben ein Land, wo ethnische Minderheiten, größtenteils die Nachkommen von Arbeitern aus Ländern wie der Türkei und Marokko, hier bleiben wollen und deren statistischer Anteil immer weiter wächst – insbesondere in den großen niederländischen Städten. Sie spüren eine wachsende Ablehnung, sie kämpfen um ihre Positionen in der Gesellschaft. Und der Konflikt handelt davon, wie wir als niederländische Gesellschaft zusammen leben wollen, was erwarten wir von einander? Klassische, niederländische Werte und unsere gemeinsame Geschichte werden immer wichtiger für die indigenen Bevölkerung. Eine Gesellschaft, die für ihre Toleranz, Offenheit und den internationalen Charakter bekannt ist, verändert sich – in Zeiten der Globalisierung.

 

III.

Von dem Standpunkt des orthodoxen Islams oder traditionell ethnischer Ansicht muss Homosexualität strikt abgelehnt werden. Dabei hat die niederländische Gesellschaft Homosexualität gegenüber keinen Standpunkt. Sie ist nicht ablehnend, aber im Grunde sagt sie, verhaltet euch normal. Verhaltet euch, wie wir es tun. Verhaltet euch heterosexuell. Und es ist nicht verwunderlich, dass in solch einer Situation im Jahre 2004/2005 das Unmutsgefühl der Gay-Community in Holland seinen Siedepunkt erreichte. Und es wurde sogar durch den Anstieg von gewalttätigen Geschehnissen und Bedrohungen von beiden Ethnien, also auch von indigenen Bürgern, verstärkt, ohne ernsthafte Gesetze oder der Absicherung durch die Polizei, den Autoritäten oder Mitbürgern. Es fühlte sich an wie: „Wir sind in Gefahr und wir sind auf uns alleine gestellt.“

Ich möchte bemerken, dass eine kleine Minderheit zum ersten Mal in ihrer Geschichte etwas zu verlieren hatte. Nicht nur – offiziell – zweite Klasse Bürger, jetzt aber auch ein Schlachtfeld für einen Clash der Kulturen in unserer Gesellschaft. Das Resultat war ein Anstieg der Islamophobie besonders unter schwulen Männern, die meistens die Opfer – oder zumindest erwartbare Opfer – von dieser Gewalt waren. Sie unterstützten die politischen Gruppen, die die ethnischen und muslimischen Gruppen attackierten, die die Schwulen angriffen.

Verständlich, aber gleichzeitig ein erhebliches Problem des COC, weil wir auch eine Verantwortung Schwulen und Lesben aus ethnischen und religiösen Minderheiten gegenüber haben. Als seine Minderheit haben wir wenig Gewinn daraus, wenn wir als politisches Hilfsmittel gegen andere Minderheiten benutzt werden. Und Schwule und Lesben in dieser Minderheit werden es immer schwerer haben, sich zu outen.

Im Januar 2006 kam die Reaktion des COC. Nach der ersten Phase der Bekämpfung von diskriminierenden Gesetzen folgte in der zweiten Phase das Erreichen von gleichen Rechten, die dritte Phase der Gay-Emanzipation war der Abschluss. Das Hauptziel dieser dritten Phase war es eine soziale Akzeptanz Homosexualität gegenüber zu schaffen.

Legale Gleichstellung ist eine Voraussetzung für soziale Akzeptanz, aber wie mein Vorgänger Benno Premsela einmal sagte: „Es ist leichter, Gesetze zu ändern, als die Köpfe der Menschen.“ Wir wollen, dass die ganze Gesellschaft anerkennt, dass Homosexualität ein untrennbarer Teil davon und Teil ihres Lebens und ihrer Werten ist. Lohnenswert zu schützen, lohnenswert, weil eine Gesellschaft in der Homosexuelle frei leben können, eine Gesellschaft ist, die gastfreundlich gegenüber Verschiedenheit generell ist.

Also, was wir im Januar 2006 gesagt haben ist, dass wir Schutz wollen, sogar die Aufnahme in die ganze Gesellschaft, ohne Zurückhaltung und ohne Bedingungen. Das war die neue Mission der Gay-Bewegung in Holland als Antwort auf das unwohle Gefühl, das da war. Das Program war ambitioniert:

  1. Wir wollten moralische Führerschaft in der niederländischen Regierung
  2. Wir wollten ein Gesamtkonzept, um soziale Akzeptanz aufzubauen
  3. Wir wollten Initiativen, die alle Teile der Gesellschaft erreichen

 

Und diese drei Forderungen sind darauf fokussiert, moderne Formen von Homophobie zu bekämpfen, überall wo Menschen aufeinander treffen und diese Orte, wo Homosexuelle mit negativen Gefühlen konfrontiert sind. Wir reden also darüber, moderne Homophobie in den Bereichen Sport, Schule, Gesundheitssystemen und in der Arbeitswelt zu bekämpfen. Wir sind genauso auf traditionelle ethnische und orthodox-religiöse Gruppen fokussiert – sowohl christlich, als auch islamisch – und auf Sicherheit an öffentlichen Orten, in Bezug auf Hassverbrechen und die Teilnahme von Minderheiten-Jugendlichen daran.

Das war nötig, um auf die Frage der wachsenden Islamophobie schwuler Männer einzugehen – COC musste ihnen zeigen, dass wir ihre Ängste verstehen und sie ansprechen, damit sie sich sicher fühlen und Unterstützung haben und Verständnis für unsere Maßnahmen, in denen wir uns auf kulturellen und religiösen Dialog fokussieren, Maßnahmen, um die Emanzipation von Schwulen und Lesben aus eine Minderheiten-Gruppe und orthodox-religiösen Gruppen, zu starten.

 

Was den Fortschritt in der Regierung, aber eigentlich der Gesamtgesellschaft, angeht, haben wir uns dafür entschieden, dass Sichtbarkeit strategisch am Wichtigsten für uns ist. Der Hauptgedanke dahinter ist, dass Sichtbares nicht ignoriert werden kann. Man muss darauf antworten und sich dementsprechend verhalten – so oder so. Also wurde jeder Vorfall öffentlich gemacht. Jedes, wenn auch nur kleine Bespiel von moderner Homophobie, wo auch immer es vorkam in der Gesellschaft, wurde aufgenommen und diskutiert. Verschiedene große Kampagnen wurden organisiert, um Homosexualität in der Gesellschaft sichtbar zu machen.

Derweil wurde in den Parlamentswahlen 2006 politischer Support gesammelt, politische Vereinbarungen mit den größten Parteien unterschrieben, besonders mit den Sozialdemokraten und den Liberalen. Diese politische Verbindlichkeit trug erfolgreich dazu bei, dass Gay-Emanzipation wieder auf dem politischen Programm stand. Das Resultat ist ziemlich überraschend. Unsere aktuelle Regierung setzt sich neben den Sozialdemokraten aus zwei christlichen Parteien – der Christdemokraten und zum ersten Mal in deren Geschichte, der kleinen orthodoxen Christlichen Union – zusammen.

Diese Koalition hat zum ersten Mal in der Geschichte in den Koalitionsvertrag geschrieben, dass die Bekämpfung der modernen Homophobie eine der Prioritäten in der Regierung sein wird. Wir haben jetzt statt eines Staatssekretärs einen Minister, der sich um die Gay-Emanzipation kümmert und es sieht so aus, als ob er diese Aufgabe sehr ernst nimmt.

Es wurde, auch wenn es immer noch sehr wenig ist, für Gay-Angelegenheiten, ein extra Budget angelegt. Und größtenteils basierte dies auf einem Maßnahmenpapier, das von einer übergreifenden Koalition von schwulen, lesbischen, bisexuellen und transgender Organisationen (gebildet vom COC), zusammen gestellt wurde. Dieser Minister hat ein „Weißbuch“ präsentiert mit einem ambitionierten Plan, um konkrete Ziele zu erreichen.

Das Weißbuch basierte auf einer Neujahrsansprache, die die ich im Januar 2006 hielt und in der ich von der dritten Phase der Gay-Emanzipation sprach. Die Ansprache handelte auch von der Vision einer ganz neuen Gay-Bewegung, die meine und eine befreundete Organisation formuliert hatten. Die Kronprinzessin Maxima hatte darüber hinaus an der Veranstaltung teilgenommen, deren Thema und Grund Homosexualität war. Zum ersten Mal befand sich damit ein Mitglied der königlichen Familie auf einer Veranstaltung zum Thema Homosexualität. Es war ein Signal moralischer Führerschaft der Regierung und gab ein Signal an die Gay Community, das nicht überbewertet werden kann. Sie führte sich so lange von der Monarchie vernachlässigt wie von der Gesamtgesellschaft.

 

IV.

Sie werden jetzt denken: “Wann spricht er denn nun über die ethnischen Minderheiten – und die Homophobie in diesen Kreisen?” Meine Damen und Herren, ich spreche bereits darüber.

Ich habe Ihnen einenm Überblick über die jüngsten Entwicklungen in meinem Land gegeben. Über die relativ schwache Position von Homosexualität, wenn es um gesellschaftliche Akzeptanz geht. Und die Debatte über kulturelle Werte und den Mangel an Integration, in einem Setting, wo ethnische Minderheiten eine schwache Position haben und unter Druck stehen, weil marokkanische junge Männer in den Kriminalitätsstatistiken überrepräsentiert sind, die Wohnsituation relativ schlecht ist, die Arbeitslosigkeit hoch, der Bildungsgrad aber niedrig sind, weil es eine Gefahr des muslimischen Radikalismus gibt, wie er in der Ermordung von Theo van Gogh schmerzhaft sichtbar wurde, und weil die Lebensqualität in den Vororten stetig abnimmt, wo es eine Überrepräsentanz ethnischer Minderheiten gibt und solche Sachen wie Black Schools, wie wir sie fälschlicher Weise nennen.

Das führt zu einer komplizierten Situation. Studien zeigen, dass Homosexualität innerhalb großer Teile traditionell-orthodoxer ethnischer Minderheiten nicht akzeptiert wird. Studien in Rotterdam zeigen, dass 80% der marokkanischen Jungen, 81% der türkischen Jungen und 58% der marokkanischen Mädchen Homosexualität ablehnen, während nur 30% der niederländischen Jungen und nur 8% der niederländischen Mädchen solche Ansichten zur Homosexualität teilen.

Während Religion oft als Argument zur Ablehnung von Homosexualität angeführt wird, ist zu fragen, ob dies die wirkliche Ursache für Homophobie unter jugendlichen Migranten ist. Traditionelle kulturelle Werte, die auf männlicher Dominanz mit religiös vermantelter Argumentation beruhen, scheinen ein wahrscheinlicherer Hintergrund zu sein. Homophobie ist unter heranwachsenden männlichen Jugendlichen immer noch dominant, wie auch bei Menschen mit niedrigem Bildungsgrad und orthodox Gläubigen. Gemeinsam haben diese Gruppen die dominante Position heterosexueller Männer, wenn diese auch immer wieder herausgefordert wird. Junge so genannte Muslime in unserer Gesellschaft passen perfekt zu dieser Beschreibung.

Dies festzuhalten ist wichtig, denn viele klassische Ideen zur Bekämpfung von Homophobie in ethnischen Gruppen kreisen um Imame, Moscheen und religiöse Diskurse. Aber wie viele junge Muslime sind wirklich über Moscheen zu erreichen? Urbane Jugendkultur ist wahrscheinlich ein weit wichtigerer Faktor, der beeinflusst werden kann und der nicht aus unserem Sichtfeld geraten sollte!

 

Also haben wir einerseits eine Gay-Bewegung, die stärker wird und die Gesellschaft zur sozialen Akzeptanz hin bewegt – und auf der anderen Seite haben wir große Probleme mit ethnischen Minderheiten, die Homosexualität ablehnen, was gelöst werden muss.

Hier kommen zwei Welten zu einander. Linke Parteien haben es schwer, starke Gay-Politik zu machen, weil ein wesentlicher Teil ihrer Wählerschaft aus ethnischen Minderheiten stammt. Rechte Parteien hingegen benutzen die fehlende Akzeptanz der Homosexualität hingegen als Beleg für fehlende Integration.

Für eine Gay-Bewegung, die im Wesentlichen politisch und religiös ungebunden ist, ist dies eine schwierige Situation, wenn es um den Aufbau sozialer Akzeptanz und den Fortschritt in der Gesamtgesellschaft geht. Wir haben, um mit dieser Problematik umzugehen, zwei Punkte formuliert:

Erstens tragen Programme, die ethnische und religiöse Integration erhöhen sollen, das Risiko, in bestimmten Bevölkerungsgruppen die Akzeptanz von Homosexualität zu verkleinern. Programme, zum Beispiel, die die Teilhabe von ethnischen Minderheiten am Sport motivieren sollen, können dazu führen, dass in Sportvereinen die Akzeptanz von Homosexualität abnimmt. Um ein Ziel zu erreichen, muss ein kontroverses Thema oft heruntergespielt werden, um den Erfolg nicht zu erschweren. Wir haben bereits gesehen, dass an den so genannten schwarzen Schulen, wo der Anteil der muslimischen Schüler wächst, schwule Lehrer und lesbische Lehrerinnen wieder in den Schrank getrieben werden und das COC nicht mehr eingeladen wird, um über Homosexualität zu sprechen. Beachten Sie dabei, dass diese Entscheidungen von indigenen Direktoren getroffen werden, die Probleme vermeiden wollen, die entstehen könnten. Sie sind einzig begründet in dem Druck, den muslimische Eltern aufbauen.

Zweitens – und dies ist sehr wichtig – eine Strategie, die wir in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts benutzt haben, um christliche Gruppen zu öffnen. Man muss wissen, dass diese Probleme nicht neu sind, auch nicht einzigartig. Wir hatten sie vorher und wissen, wie wir mit ihnen umgehen müssen, um sie zu überkommen. Es geht nicht nur darum, dass ethnische Minderheiten Homosexualität als Teil unserer Gesellschaft akzeptieren – wir müssen ihnen zeigen, dass Homosexualität auch Teil ihrer eigenen Gesellschaft ist, dass also die Ablehnung von Homosexualität die Ablehnung von Menschen aus ihrer Community ist. So haben wir es mit den indigenen Christen gemacht. Bitte berücksichtigen Sie dabei auch, dass die orthodoxen Christen heute viel mehr als die kulturellen, ethnischen oder religiösen Minderheiten in Abgeschlossenheit und Widerspruch zur modernen säkularen Gesellschaft leben. Sie sind uns nur vertrauter, sie sind eine kleine Minderheit und vor allem leben sie in ländlicheren Gegenden, deswegen haben wir irgendwann aufgehört, uns Gedanken über sie zu machen, weil die Mehrheit der Christen begonnen hat, Homosexualität zu akzeptieren.

Wir sehen an den Schulen, dass das Funktionieren in unserer Gesellschaft an fehlender Akzeptanz scheitern kann. Von den Jungen aus Surinam lehnen 38% durch einen schwulen Lehrer ab, bei den Marokkanern sind es 50% und bei den Türken 64%. Bei den Mädchen sieht es nur leicht besser aus. Wenn also Unterricht durch schwule Lehrer schon ein Problem ist, wie wird es dann beim Sport oder mit einer lesbischen Vorgesetzten am Arbeitsplatz aussehen? Und so weiter. Dafür müssen Lösungen her. Nicht nur, um Schwulen den Einschluss zu gewährleisten, sondern auch, um ethnischen Minderheiten das erfolgreiche Funktionieren in unserer Gesellschaft zu ermöglichen.

Sichtbarkeit ist dabei, wie ich schon sagte, die wichtigste Strategie. Drei Wege bieten sich dafür an:

  1. Sichtbare Vorbilder
  2. Sichtbarkeit von Homosexuellen in der Community
  3. Dialog

 

Vorbilder. Vor zwei Jahren hat COC das Projekt “Respect2Love” gestartet. Teil dieses Projekts war eine Broschüre mit Menschen mit Migrationshintergrund. Sie wurde im ganzen Land unter Jugendlichen der Zielgruppe verteilt. Dann sahen einige Filme das Tageslicht. Eine Dokumentation handelte von Lesben und Schwulen aus ethnischen Minderheiten. Der zweite Film handelte von einem marokkanischen Kickboxer, der sich in seinen Trainingspartner verliebt. Der Film des berühmten niederländischen Regisseurs Eddy Terstall zeigt die Probleme, durch die der Junge gehen muss, den emotionalen Schmerz – und das Unglück, das er über das Mädchen bringen wird, das er heiraten soll, um seiner Familie einen Gefallen zu tun. Die Schlüsselfigur wird von einem heterosexuellen marokkanischen Schauspieler gespielt, der unter Marokkanern sehr populär ist.

All diese Materialien werden benutzt, um innerhalb ethnischer und religiöser Minderheiten einen Dialog zu beginnen, der von Homosexualität innerhalb ihrer eigenen Communities handelt. Sie sollen Fragen aufwerfen, wie man im Alltag mit Homosexalität klarkommen kann, die ein einfacher Teil des modernen Lebens in unserem Land ist.

2008 wurde im Rahmen des Amsterdamer „Kwakoe Festivals“ zum ersten Mal ein Pink Sunday organisiert. Dieses Festival ist sehr in den Communities verwurzelt und hat einen Schwerpunkt auf den Einwanderungs-Communities. Während eines solchen Festivals ein Gay-Programm präsentieren zu können, ist ein riesen Schritt vorwärts – das zeigt, dass die Kooperation mit Führungspersönlichkeiten aus den Communities wächst. Medien, die ein ethnisches Publikum haben, sind ebenso ein Mittel, um den Dialog vorwärts zu treiben. Auch hier steht Sichtbarkeit im Mittelpunkt der Strategie.

Dialog ist nicht nur eine Strategie, sondern auch der Name eines Projekts, das COC 2002 in Kooperation mit der Stiftung Yoesuf und der Humanistischen Union gestartet hat. Yoesuf hat seinen Schwerpunkt auf den Themen Homosexualität und Islam. Diese drei Partner haben über einhundert Veranstaltungen organisiert – oder eher Runde Tische, sollte ich sagen, die der Frage nachgingen: „Wie wollen wir zusammenleben?“ Dies waren geschlossene Veranstaltungen, die es einzelnen erlaubten, frei zu sprechen. Der Anfangspunkt der Debatte war nie Homosexualität selbst. Sonst wäre niemand gekommen. Trotzdem kam im Verlauf der Debatte das Thema langsam immer auf.

Spezielle Dialogformen sind die Informationsstunden in Schulen. Es wurde spezielles Material für die so genannten schwarzen Schulen erstellt. Sehr wichtig war, dass wir allgemeine Begriffe benutzt haben – und an den Diskriminierungserfahrungen anknüpften, die die Schüler selbst machen. Wir haben also einen Boden für ein gemeinsames weitergehendes Interesse bereitet.

Neben diesen anderen Projekten haben wir besondere Treffen für Lesben und Schwule mit ethnischem oder religiösem Hintergrund durchgeführt. Zum Beispiel haben wir ein Fest zum Abschluss des Ramadan organisiert. In einem sicheren Rahmen an einem nicht-öffentlichen Ort und ohne Kameras konnten sich diese schwulen Männer – keine lesbischen Frauen – für einen Moment zusammenfinden. Das war ungefähr so wie die ersten Treffen von COC 60 Jahre zuvor. Dies trifft auch zu für die regulären Treffen, die wir Couscous Dinner nennen. Hetero- und homosexuelle Marokkaner kommen zu diesen Abendessen. Auch hier steht Homosexualität nicht im Mittelpunkt – die Teilnehmer nennen sich häufig auch gar nicht homosexuell oder schwul, die sind einfach Männer, die mit anderen Männern Sex haben. Man kommt zum Abendessen, reden und Spaß haben. Und dabei kann man so schwul sein, wie man es gerade für richtig hält. Danach kann man ins Habibi Ana gehen, dem einzigen – oder zumindest ersten muslimischen Gay Café in der Welt.

Obwohl soziale Akzeptanz in Zahlen nicht steigt, gibt es solche hoffnungsvollen Zeichen. Die dritte Generation der Einwanderer kommt besser klar als die zweite und Integration schreitet voran. Sie haben bessere Arbeitsplätze, verdienen mehr Geld und sind besser gebildet. Ein weiteres gutes Zeichen ist es, dass mehr Migranten-Organisationen offen über das Thema Homosexualität sprechen wollen. Die Türkische Handelskammer lud COC zu ihren Festen ein zum Beispiel. Und türkische Organisationen beginnen, die COC-Kampagnen zur Unterstützung der Gay-Bewegung in der Türkei zu unterstützen. Dies ist ein wichtiger Schritt, denn dies ist die Anerkennung, dass Homosexualität nicht nur ein Merkmal der westlichen Kultur ist, sondern ein Phänomen in allen Kulturen und Gesellschaften.

Auf Datingseiten wie Gay.eu, vergleichbar mit Gayromeo zeigen sich immer mehr Lesben und Schwule mit Migrationshintergrund mit ihren Fotos, so wie sie sind. Wenn Führer in der islamischen Welt sich homophob äußern, ist das Aufbegehren groß… Wenn ich dies sage, muss ich allerdings hinzufügen, dass wir als Gay-Bewegung auch darauf achten müssen, dass unser Anliegen nicht von Leuten missbraucht wird, islamophob sind.

Fitna – Geert Wilders islamophobes Video, das sie vielleicht gesehen haben – ist einer der Fälle solchen Missbrauchs. Er zeigt die Bilder von Asgari und Marhoni, die im Iran gehängt werden, als Beweis der Homophobie im Islam – wofür kein Muslim in den Niederlanden etwas kann. Wilders ignoriert einfach, dass niederländische Muslime unser Anliegen unterstützt haben, iranischen schwulen Asylbewerbern einen speziellen Flüchtlingsstatus zu gewähren. Darüber hinaus, und das ist am wichtigsten, hat seine Partei niemals konstruktiv Schwulenpolitik unterstützt, er benutzt Homosexualität einzig und allein, um Migranten zu beschuldigen. COC hat immer darauf geachtet, nicht mit seiner Partei oder seinen Politikvorstellungen assoziiert zu werden.

Der nächste Schritt werden Hetero-Homo-Allianzen sein, die wir in diesem Jahr begonnen haben. Diese anti-homophoben Allianzen zwischen der Gay Community und regulären Organisationen gibt es bereits in Schulen, mit Gewerkschaften und multinationalen Konzernen und mit Senioren-Organisationen. Sie sollten ebenfalls abgeschlossen werden mit ethnischen (Jugend-) Organisationen. Ich bin sicher, dass wir zu Beginn des kommenden Jahres die ersten Ergebnisse sehen werden.

Homosexualität steht wieder hoch im Kurs der politischen Agenda in Holland. Es gibt immer noch einige Befürchtungen, die Integration und den Islam betreffen. Gleichzeitig aber hatte es noch vor ein paar Jahren das Risiko gegeben, dass sich Homosexualität und Islam als Gegner gegenüber standen – eine Auseinandersetzung, die allen viel Schmerz bereitet hätte. Heute sehen wir auf beiden Seiten eine Bewegung zu einander hin, auch wenn es noch ein langer und gewundener Weg sein wird, den wir zurücklegen müssen.

Nicht nur, damit wir Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern ein sicheres Umfeld schaffen, nicht nur, damit wir die Integration religiöser und ethnischer Minderheiten vorwärts treiben, sondern – und vielleicht vor allem – um Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender zu unterstützen, die irgendwo zwischen ihrer Sexualität und ihrem kulturellen oder religiösen Background gefangen sind.

Es liegt ein langer Weg vor uns, aber es ist ein Weg, den wir kennen und der sich lohnt!

Vielen Dank.

 

Frank Van Dalen

Ehemaliger Vorsitzender COC Niederlande

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